Nicht in Sichtweite.

Ein altes Gartentor begrenzt den kleinen Vorgarten mit den zwei roten Häusern. Alles erinnert mich an Schweden. Der Weg vor dem Tor führt direkt zum Strand. Immer, wenn wir hier ankommen, zelebrierst du es mit deinem Ritual. Diesmal öffnest du alle Fenster, lässt die wärmende Sommerluft hinein, pflückst Blumen aus dem Garten, bindest daraus einen Strauß und stellst ihn auf das kleine Buffet am Eingang. Dann ziehst du deine Schuhe aus und läufst sofort den sandigen Weg und die Düne hinauf. Ich folge dir und bevor du einen ersten Blick auf das Meer werfen kannst, drehst du dich um, gestikulierst wild und rufst mir zu, ich solle mich doch beeilen. Mein Schritt verlangsamt sich wie von selbst und du kannst diese Spannung kaum noch aushalten. Du bist aufgeregt, wie ein Kind in der Nacht vor seinem Geburtstag.
Immer schon kommen wir hierher, immer dasselbe Ritual und als ich dich endlich erreiche, nimmst du hektisch meine Hand und ziehst mich zum Strand. Das ist dann der schönste Moment.

Lichtblick

Der Himmel ist Azur, als wir auf die Räder steigen. Die Weiden, Rosen und Sanddornsträucher ziehen vorbei, um uns herum toben die Spatzen. Sie sind heut‘ noch ausgelassener als sonst. Es geht über die Dünen, durch die Heide, hin zum kleinen Leuchtturm, der gleich hinter dem Kiefernwäldchen liegt. Erst fahren wir endlose Straßen entlang, dann Feldwege, zum Schluss über feuchte Waldböden, die vom verregneten Vortag noch rutschig sind.

Morgens

MorgensWährend ich an der roten Ampel warte, zündest du dir die erste Zigarette an.

Ich habe den Dunst aus Alkohl, Rauch und Schweiß gerade erst verlassen und atme jetzt die reine Morgenluft. Es ist klar und kalt und nur deine kleinen Rauchwölkchen vernebeln diese ersten Stunden des Tages.

Ich frage mich, ob wir beide denselben Club verlassen haben, dann wird es grün.

Im Zug, in Richtung Urlaub

Der kühle Fahrtwind macht diese Stunden erträglich. Wir sitzen in einer überfüllten Regionalbahn, um uns herum sind unruhige Kinder, die schon seit Stunden versuchen brav zu sein, es aber einfach nicht mehr aushalten. Daneben ungeduldigen Eltern, die nur noch ankommen wollen, ihre Kinder nicht mehr bändigen können und zwischen ihnen auch ein paar ältere Damen, denen die Hitze schon zugesetzt hat.

Wenn ich mich anstrenge, dann kann ich das Meer schon riechen, zwischen all dem Lärm, der Unruhe und der Hitze. 

6:53

Unterwegs

Ich nehme einen letzten großen Schluck vom Kaffee, der bereis kalt ist, als der Schaffner ein zweites Mal freudig pfeifend durch das Abteil läuft und ich auf die Durchsage des nächsten Bahnhofs warte. Es ist noch recht früh an diesem Montagmorgen und ich habe gestern ganz spontan meine Tasche gepackt und beschlossen wegzufahren. Das ist eigentlich nicht meine Art, denn mein Urlaub ist heute vorbei und normalerweise müsste ich jetzt schon auf dem Weg dorthin sein. Ich versuche dies zu verdrängen und die Uhr zeigt 6:53. Es wird so nicht weitergehen. Nicht, wie bisher. Der Alltag, das frühe Aufstehen, das Funktionieren müssen, das Abarbeiten und der tägliche Trott. Ich rebelliere, jetzt und hier. Der Sonntagabend war anders als sonst. In mir hat sich etwas verändert und jetzt sitze ich im Zug auf dem Weg nach …, wohin eigentlich? Mit jedem Kilometer wird die Last weniger. Die Distanz schafft Entspannung und ich kann endlich loslassen. Wenn man so früh reist, dann ist es meist ruhig in den Zügen. Ich höre um mich herum nur geschäftiges Tippen auf Laptoptastaturen. Es ist hecktisch und monoton. Hier werden noch Mails geschrieben, Meetings vorbereitet, Änderungen an Präsentationen vorgenommen und wieder passiert mich der pfeifende Schaffner und durchbricht diese Stille. Seine gute Laune ist heute nicht ansteckend. Nicht für mich. Ich blicke nach durch das Zugfenster: Hochspannungsleitungen, Bäume und Wälder, kleine Orte und verlassene Bahnhöfe, alles zieht vorbei, wirkt idyllisch. Da möchte ich verweilen. Es ist ein kühler Sommermorgen, ich habe mich für Jeans und Pulli entschieden, aber in der Reisetasche, da sind die kurzen Hosen und T-Shirts verstaut. Wo ich hinfahre, dass weiß ich nicht, aber ich werde diese Sachen dort benötigen, davon bin ich überzeugt.

Eigentlich war es ein guter Tag.

Das rötliche Licht der Gaslaterne vorm Haus spiegelt sich im Fensterrahmen. Weiße Gardinen lassen blaues Licht der Dämmerung herein und die schweren geblümten Vorhänge mich fremdeln. Die Einrichtung ist karg und die mintfarbene Tapete löst sich langsam an einigen Stellen von der Wand darunter. Ein großer Kleiderschrank nimmt gut ein Viertel des Raumes ein, der sonst nur mit einem Schreibtisch, einem grüngepolsterten Stuhl und einem Bett eingerichtet ist. An der Wand hängen mehrere unpersönliche Bilder, direkt neben mir das Foto eines Stegs auf Leinwand. Es ist fast dunkel und dieser Moment ist so fremd und weit entfernt. Laute Klackgeräusche schallen vom Schreibtisch, auf dem ein Wecker steht. Jede Sekunde ein klack. Das Einschlafen fällt noch schwerer. Eigentlich war es ein guter Tag. Es ist Sommer und ich fühle meine eben noch im Spiegel betrachtete braune Haut. Ein paar Stellen jedoch sind weiß geblieben. Ich schließe die Augen und verbanne die Geräusche, die durch das geöffnete Fenster und aus dem Flur zu mir dringen. Es gehen Türen, jemand wird gerufen. Draußen Hundegebell. Das Licht im Flur geht aus. Ich hoffe, bald findet er mich, der Schlaf. Nur einige Sekunden später ist der Tag vorbei.

Sommerrad

Wir nehmen die Räder und fahren entgegen von Einbahnstraßen durch den Park, vorbei an Feldern, hinaus aufs Land. Die wärmende Sonne, den kühlenden Fahrtwind und die Weite, die uns umgibt – alles scheint behaglich. An einer Wiese machen wir kurz halt. Sie will noch einen Strauss pflücken, um ihn dann im Sommerhaus auf die Anrichte der Küche zu stellen. Die weiße Anrichte ist ein Erbstück einer entfernten Verwandten. Der Strauss soll in die große Kristallvase. Sie pflückt und ich liege im Gras, schaue in den Himmel und blinzle oft, weil die Sonne blendet und manchmal da hör‘ ich sie rufen. Sie erzählt von Blumen, Kindheitserinnerungen, ihren Eltern und Großeltern. Dann fahren wir weiter.

Das Sommerhaus liegt außerhalb, zwischen einem Waldstücke und den angrenzenden Getreidefeldern. Es ist ein Ritual: wir kommen an, sie zieht frische weiße Lacken auf, öffnet alle Fenster, stellt die Blumen auf die Anrichte. Ich setze Kaffee auf.  Auf der Terrasse vorm Haus stehen die alten Gartenmöbel. Dort sitzt sie dann und liest. Mein Blick ist auf die Felder gerichtet, schweige ich und erkenne die Einöde und gleichzeitige Idylle dieses Ortes.

Es ist schon spät an diesem Nachmittag.

Nah

WohnungAls wir endlich im Nachtbus sitzen, kommen dir die Tränen. Du drückst meine Hand ganz fest. Wir schweigen. Sind leer. Die Anspannung, die Aufregung, der Stress, auf einmal ist alles weg.

Wir trinken Grasovka und Bier, essen Döner und als wir die Wohnung erreichen, legst du uns eine Platte auf. Eine Weile noch liegen wir wach nebeneinander. Erzählen, bevor du vor Erschöpfung einschläfst.