ausgesucht

Wenn noch alles unbekannt ist und neu, Namen und Orte nicht vertraut, dann sind es die Worte auf den ersten Seiten, die entscheiden, ob es lesenswert ist.

Ich habe es ausgesucht und es wird mich begleiten. Ich nehme mir Zeit und Ruhe, denn das brauche ich, das ist wichtig, weil ich die Geschichten atmen und jedes Wort aufnehmen und jeden Zusammenhang verstehen will. Zu Beginn ist manches merkwürdig, Namen noch fremd und es braucht diese Zeit, bis ich mich gewöhnen kann, alles vertrauter wird und es mich letztlich wieder verlässt.

6:53

Unterwegs

Ich nehme einen letzten großen Schluck vom Kaffee, der bereis kalt ist, als der Schaffner ein zweites Mal freudig pfeifend durch das Abteil läuft und ich auf die Durchsage des nächsten Bahnhofs warte. Es ist noch recht früh an diesem Montagmorgen und ich habe gestern ganz spontan meine Tasche gepackt und beschlossen wegzufahren. Das ist eigentlich nicht meine Art, denn mein Urlaub ist heute vorbei und normalerweise müsste ich jetzt schon auf dem Weg dorthin sein. Ich versuche dies zu verdrängen und die Uhr zeigt 6:53. Es wird so nicht weitergehen. Nicht, wie bisher. Der Alltag, das frühe Aufstehen, das Funktionieren müssen, das Abarbeiten und der tägliche Trott. Ich rebelliere, jetzt und hier. Der Sonntagabend war anders als sonst. In mir hat sich etwas verändert und jetzt sitze ich im Zug auf dem Weg nach …, wohin eigentlich? Mit jedem Kilometer wird die Last weniger. Die Distanz schafft Entspannung und ich kann endlich loslassen. Wenn man so früh reist, dann ist es meist ruhig in den Zügen. Ich höre um mich herum nur geschäftiges Tippen auf Laptoptastaturen. Es ist hecktisch und monoton. Hier werden noch Mails geschrieben, Meetings vorbereitet, Änderungen an Präsentationen vorgenommen und wieder passiert mich der pfeifende Schaffner und durchbricht diese Stille. Seine gute Laune ist heute nicht ansteckend. Nicht für mich. Ich blicke nach durch das Zugfenster: Hochspannungsleitungen, Bäume und Wälder, kleine Orte und verlassene Bahnhöfe, alles zieht vorbei, wirkt idyllisch. Da möchte ich verweilen. Es ist ein kühler Sommermorgen, ich habe mich für Jeans und Pulli entschieden, aber in der Reisetasche, da sind die kurzen Hosen und T-Shirts verstaut. Wo ich hinfahre, dass weiß ich nicht, aber ich werde diese Sachen dort benötigen, davon bin ich überzeugt.

Eigentlich war es ein guter Tag.

Das rötliche Licht der Gaslaterne vorm Haus spiegelt sich im Fensterrahmen. Weiße Gardinen lassen blaues Licht der Dämmerung herein und die schweren geblümten Vorhänge mich fremdeln. Die Einrichtung ist karg und die mintfarbene Tapete löst sich langsam an einigen Stellen von der Wand darunter. Ein großer Kleiderschrank nimmt gut ein Viertel des Raumes ein, der sonst nur mit einem Schreibtisch, einem grüngepolsterten Stuhl und einem Bett eingerichtet ist. An der Wand hängen mehrere unpersönliche Bilder, direkt neben mir das Foto eines Stegs auf Leinwand. Es ist fast dunkel und dieser Moment ist so fremd und weit entfernt. Laute Klackgeräusche schallen vom Schreibtisch, auf dem ein Wecker steht. Jede Sekunde ein klack. Das Einschlafen fällt noch schwerer. Eigentlich war es ein guter Tag. Es ist Sommer und ich fühle meine eben noch im Spiegel betrachtete braune Haut. Ein paar Stellen jedoch sind weiß geblieben. Ich schließe die Augen und verbanne die Geräusche, die durch das geöffnete Fenster und aus dem Flur zu mir dringen. Es gehen Türen, jemand wird gerufen. Draußen Hundegebell. Das Licht im Flur geht aus. Ich hoffe, bald findet er mich, der Schlaf. Nur einige Sekunden später ist der Tag vorbei.

Sommerrad

Wir nehmen die Räder und fahren entgegen von Einbahnstraßen durch den Park, vorbei an Feldern, hinaus aufs Land. Die wärmende Sonne, den kühlenden Fahrtwind und die Weite, die uns umgibt – alles scheint behaglich. An einer Wiese machen wir kurz halt. Sie will noch einen Strauss pflücken, um ihn dann im Sommerhaus auf die Anrichte der Küche zu stellen. Die weiße Anrichte ist ein Erbstück einer entfernten Verwandten. Der Strauss soll in die große Kristallvase. Sie pflückt und ich liege im Gras, schaue in den Himmel und blinzle oft, weil die Sonne blendet und manchmal da hör‘ ich sie rufen. Sie erzählt von Blumen, Kindheitserinnerungen, ihren Eltern und Großeltern. Dann fahren wir weiter.

Das Sommerhaus liegt außerhalb, zwischen einem Waldstücke und den angrenzenden Getreidefeldern. Es ist ein Ritual: wir kommen an, sie zieht frische weiße Lacken auf, öffnet alle Fenster, stellt die Blumen auf die Anrichte. Ich setze Kaffee auf.  Auf der Terrasse vorm Haus stehen die alten Gartenmöbel. Dort sitzt sie dann und liest. Mein Blick ist auf die Felder gerichtet, schweige ich und erkenne die Einöde und gleichzeitige Idylle dieses Ortes.

Es ist schon spät an diesem Nachmittag.

Sommerhaus

Fenster

 

Zu jeder Tageszeit fällt hier Licht ein. Die blauen Fenster von denen die Farbe blättert sind von Wein umrankt und weit geöffnet. Draußen summt es. Nur ihre Bewegungen auf dem knarrenden Dielenboden dringen zu mir, sonst ist es still.

Es ist Sonntag. Zum Frühstück gab es Milchkaffee und eine Zigarette an ihrem Lieblingsplatz. Ich genieße ihre Anwesenheit, beobachte jeden ihrer Schritte, die ich nur hören und nicht sehen kann. Wir entdecken alles zusammen, stöbern in Erinnerungen, verwenden die gleichen Worte und sind uns wieder so nah. Tagsüber laufen wir barfuß, liegen im Garten und abends duschen wir kalt.

Zusammen

Licht
Der Bewegungsablauf meiner Beine wirkt einstudiert. Ich hinterfrage ihn nicht. Während meine Jacke durchweicht und ich Tropfen für Tropfen auf der Haut spüre, denke ich an dich. Vor der Haustür angekommen suche ich nach deinem Namen. Die vielen kleinen überklebten und verblichenen Zettel auf den Klingeln machen es schwer. Es ist dunkel. Die Tür summt. Du öffnest schnell und ich nehme mehreren Stufen gleichzeitig – dann stehe ich vor dir. Du sagst nichts. Lässt mich passieren. Ohne jede Regung stehst du da. Ich betrete den großen Flur der Wohnung. Die nassen Sohlen meiner Schuhe quietschen auf dem Parkett. Ich lege alles ab. Folge dir geräuschlos. Wir erwarten nichts voneinander. Alles scheint gesagt. Du hast eine Kerze angezündet, daneben eine Tasse Tee und auf dem Bett der Laptop. Du schreibst wohl wieder. Ich versuche die Ruhe nicht zu stören. Sage nichts, sondern ziehe mich nur aus. Du begutachtest das alles und nach kurzem zögern liegen wir nebeneinander. Wir schlafen in dieser Nacht das letzte Mal miteinander. Alles wirkt einstudiert, wie das Laufen im Regen.

Die vertrockneten Blumen auf dem Fenstersims hast du von mir.

Nah

WohnungAls wir endlich im Nachtbus sitzen, kommen dir die Tränen. Du drückst meine Hand ganz fest. Wir schweigen. Sind leer. Die Anspannung, die Aufregung, der Stress, auf einmal ist alles weg.

Wir trinken Grasovka und Bier, essen Döner und als wir die Wohnung erreichen, legst du uns eine Platte auf. Eine Weile noch liegen wir wach nebeneinander. Erzählen, bevor du vor Erschöpfung einschläfst.